Symbolic Power – From East To West – 2022

Symbolic Power – From East To West – 2022

Seit zwei Monaten ist Bad Tölz um eine interessante Adresse reicher: In der Säggasse 7 hat die Pashmin Art Gallery die internationale Kunstwelt Einzug gehalten – auf eine legere und unkomplizierte Art. Zu verdanken ist das vornehmlich Daniel Fuchs, dem die Hamburger Galerie eine Ausstellungsmöglichkeit in seiner Wahlheimat schaffen wollte. „Ich kenne mittlerweile richtig viele gute Leute hier“, sagt Fuchs, und man glaubt es ihm aufs Wort – nicht nur, weil gerade zufällig ein Pärchen von der anderen Straßenseite freudig herüber grüßt. Die Resonanz auf die Eröffnungsausstellung mit seinen einzigartigen Holzreliefs sei optimal gewesen, sagt er. „Die Leute kamen neugierig rein und gingen staunend wieder hinaus.“ Ein Besuch dürfte sich auch in den kommenden Wochen lohnenswert erscheinen. Bis 22. Oktober sind in der Säggasse Werke von Günther Uecker, Wang Shaojun und Natalja Nouri zu sehen – „Symbolic Art – From East to West“ ist überschriebener Schau.

Uecker, berühmt für seine Nagelbilder, zählt zu den prominentesten deutschen Nachkriegskünstlern. Wang Shaojun ist der Präsident der ältesten Kunstakademie Chinas, der Central Academy of Fine Art in Peking und hat mehrere bedeutsame Projekte für chinesische Städte erschaffen. Natalja Nouri, eine Künstlerin aus Lettland, ist mit dem Direktor der Pashmin Art Gallery, Nour Nouri, verheiratet. Was verbindet die drei? Wie kam die Auswahl zustande?

Ein Anruf in Hamburg. Der Direktor ist beschäftigt. „Zwei große Museumsprojekte in China“, sagt er etwas atemlos, aber dann nimmt er sich alle Zeit, um über Bad Tölz zu sprechen, seinen Werdegang und natürlich über die neue Ausstellung. Der gemeinsame Nenner der drei Künstler seien die intensiven philosophischen Überlegungen zwischen Ost und West, so erklärt er. „Ihre Kernarbeit baut Brücken zwischen Menschen und Nationalitäten.“ Und als Brückenbauer versteht auch er sich.

Nour Nouri wurde im Iran geboren und ist in den USA aufgewachsen. Vor 43 Jahren zog er nach Deutschland, wo er bis heute lebt. In seiner Jugend lernte er Hans Theodor Flemming kennen, einen renommierten Kunsthistoriker und Kunstkritiker, der als Erster über Paul Wunderlich und Horst Janssen geschrieben hatte. Flemming war Gesprächspartner von Pablo Picasso, Henri Matisse und Joseph Beuys. „Er wurde mein großer Mentor“, sagt Nouri. 18 Jahre lang standen sie in regem Austausch, bis zu Flemmings Tod im Jahr 2005. „Er hat mir ganz neue Perspektiven für die Kunst eröffnet, das war für mich das Glück meines Lebens.“

Im Mittelpunkt der neuen Ausstellung steht das Symbol. „Symbole sind älter als Worte“, sagt Nouri. Die ersten künstlerischen Symbole seien in Höhlen der Steinzeitmenschen zu finden. „Aber die Kraft der Symbole begleitet uns bis heute überall, sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt.“ Ein prägnantes Firmenlogo etwa spreche den Intellekt und die Emotionen an. „Symbolische Kunst enthält tiefe Bedeutungsstränge, die immer einen individuellen und subjektiven Zugang ermöglichen.“

Nouri hat drei Lithografien von Günther Uecker ausgewählt, die Blätter 6, 7 und 8 seiner „Friedensgebote VIII“ aus dem Jahr 2016. Sie beziehen sich auf die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam und legen deren gemeinsame abrahamitische Wurzel offen. Der Künstler zitiert dazu in einer eigenwilligen Handschrift Passagen aus dem Midrasch, dem Neuen und Alten Testament sowie dem Koran. „Uecker hat viele Kulturreisen nach Iran und Ostasien gemacht, um das Leben der Orientalen besser zu verstehen“, sagt Nouri. „Und er hat sich immer für den Weltfrieden eingesetzt.“

Die „Porträtskulpturen und visuellen Biografien“ von Wang Shaojun sind ein Anziehungspunkt. Der Protagonist ist ein kahlköpfiger Mann in grauer Kleidung, der sich in vielen verschiedenen Situationen des Lebens wiederfindet: Mal trägt er ein dickes Huhn, mal sieht er sich einem Frosch gegenüber. Nouri stellt die Frage: „Wer guckt da wen an? Wer ist intelligenter?“ Diese Kunstwerke ermutigen den Menschen, sich selbst zu hinterfragen: Wo stehe ich in diesem Universum? Was bin ich als Individuum? Warum lebe ich?

Natalja Nouri wertschätzt die Macht der Symbole und der Dualitäten wie Ordnung und Chaos, Schwarz und Weiß. Sie glaubt an Naturmystik und die „Alchemie der Kulturen“. Nour Nouri behauptet, dass alle Menschen auf der Welt die gleiche Sprache sprechen – die Sprache der Kunst. Er setzt seine Hoffnung in diese Sprache, damit die nächste Generation besser mit sich und der Welt umgehen kann. Nachdem er die Menschen beobachtet hat, ist er der Meinung, dass wir miteinander reden müssen – egal ob in New York, Shanghai, Peking oder Bad Tölz.

Quelle: Süddeutsche Zeitung

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